Wolf bringt Rückenwind!

Beginnen wir am Schluss: Martin Wolf, Chef-Ökonom der wichtigsten Wirtschaftszeitung dieser Welt (FT) schliesst einen Kommentar mit „Die nächste Krise kommt bestimmt.“* Vollgeld komme zwar „nicht jetzt“ – aber wir müssten uns jetzt mit solchen Lösungen befassen, um gerüstet zu sein.

Titel: „Privaten Banken die Geldschöpfung untersagen.“

Untertitel: „Das riesige Leck im Herzen unserer Marktwirtschaften muss gestopft werden.“

Lead: „Blüten Drucken ist illegal, privates Geld Herstellen nicht. Die Wechselwirkung von Staat und einer Geschäftswelt mit dieser Fähigkeit bringt viel Unruhe in unsere Volkswirtschaften. Das kann – und muss – man beenden.“

Wolf tut zwar Schulden als „Nebenprodukt“ der Banken-Geldschöpfung ab, anerkennt aber dass es „keine normale Markttätigkeit“ ist, wenn die Banken Geld nicht nur verleihen, sondern es auch gleich selber herstellen, und obendrein noch den Zahlungsverkehr abwickeln.

Es ist sehr erfreulich, gleich drei mal das Wort „Öffentlichkeit“ zu lesen. Die Mitglieder derselbigen hielten ihren Kontostand erstens für Geld, und zweitens für sicher. Wer sich gerne auf unterschiedliche Geld-Definitionen beruft, fällt hingegen in die Kategorie „some people“ 😀

Wow: Die Regeln im Bankenwesen sind bei Wolf zwar „streng“, müssten aber „mindestens strenger“* werden. Für maximale Sicherheit sollte man sie aber ganz ersetzen – durch Vollgeld!

Wolf geht kurz auf den Chicago Plan ein (ohne die Unterschiede zu nennen), und erwähnt die IWF-Studie dazu. Er fasst schön kurz und präzise die wesentlichen Punkte zusammen: Geld-Herstellung und erste In-Umlauf-Bringung durch den Staat; Trennung von Anlagen; Monetative.

Kritikpunkt: Wolfs Behauptung, Banken würden für die Verwaltung von Vollgeld eine Gebühr verlangen, ist nicht in Stein gehauen. Kosten entstehen zwar, sind aber eher vernachlässigbar. Man kann davon ausgehen, dass Banken zur Kundenbindung auf Gebühren verzichten werden. Dazu ein Gedankenexperiment: was wäre, wenn Migros und Coop plötzlich anfingen, Eintrittsgebühren zu heuschen? Richtig: andere Supermärkte florieren, dank Signalwirkung.** Eine Vollgeld-Bank bräuchte weniger Infrastruktur als ein sicheres Filesharing-KMU (denn sie teilt einfache Zahlen).

Stimmt: kein ‚too big to fail‘, und – richtigerweise nach Volkes Wille – weniger Steuern oder mehr Gemeinwesen. Die Option ‚Bürgerdividende‘ wird auch erwähnt.

Frühere Ängste vor ‚Kreditklemme‘ hat der Herr abgelegt… Bingo, noch ein Vollgeld-Aficionado!

Diese Arie zum breit copy/pasten: „Unsere Finanzwelt ist so wacklig, weil der Staat ihr zuerst erlaubte, fast alles Geld zu erschaffen, und dann gezwungen war, eine (gratis-)Versicherung nach zu liefern. Das kommt einer riesigen Abschöpfung im Herzen unserer Wirtschaft gleich. Dem kann und muss man ein Ende setzen. Geldschöpfung ist Sache des Staates.“*

* Zitate frei übersetzt, Letzteres unter Einbezug des Leads. Zum Original geht’s hier.

** So etwas lernt man in der Uni im ersten Semester. Leider vergisst man es oft schon im Zweiten!

p.s. Aufmerksame Beobachter erinnern sich vielleicht an Wolf’s leises Hinterfragen der Wachstums-Weisheit am WEF (Open Forum mit Gästen von Occupy), resp. an seinen Vergleich der heutigen Investment-Banken mit parasitären Insekten (seihe unten).

===

das lange pps

Bei nochmaligem Lesen fällt auf, dass hier Einzahl und Mehrzahl vermischt werden. Sprich: es heisst manchmal „unsere Wirtschaft“ und dann wieder „WirtschaftEN“. Da steckt eine tiefere Weisheit dahinter, von Autoren kaum beabsichtigt, aber für uns sehr wertvoll. Denn ist es nicht längst so, dass unsere Wirtschaften querbeet abgewirtschaftet werden, von Grosskonzernen, denen so etwas wie Landesgrenzen schnurz-egal sind? Darum müssen sich die Bürger, die sich für ein gerechteres System einsetzen, auch über die Landesgrenzen hinaus solidarisieren!

(Klammerbemerkung zu Vollgeld allgemein: Wie wir anderswo im Blog schon zu sagen versuchen, ist Vollgeld an sich kein besonders dramatisches Teilstück im Klassenkampf-Puzzle. Darum ist es um so bewundernswerter, wenn Unterpriviligierte sich dafür einsetzen.)

Viele oberflächliche, ängstliche Menschen meinen, es sei eine Art „Schutz der Heimat“, wenn sie sich mit Ausländern gar nicht erst abgeben. Schade! Manchmal muss man sich auf das erste Semester Volkswirtschaft besinnen, und die ‚unsichtbare Hand‘ von Adam Smith. Da geht es nämlich genau darum, dass Menschen, wenn sie gute Informationen und eine WAHL haben, mit ihren täglichen Entscheidungen automatisch die lokale Wirtschaft stützen.*

Leider ist es heute so, dass wir nur sehr schlechte Informationen haben, und vielen das Wasser derartig bis zum Halse steht, dass sie verständlicherweise bei den besagten täglichen Entscheidungen einfach das nehmen, was gerade am günstigsten ist.

(Wer liest schon die ganze Verpackung, und verbringt dann einen gemütlichen Nachmittag bei Champagner und Kaviar (handgestreichelt), um alle nötigen Infos zu haben, wer bei diesem Produkt genau profitiert 😉

(* In der Wirtschaftstheorie würde man das ‚Protektionismus‘ nennen. Offiziell eine Todsünde, ober es wenn’s den Herrschern nützt natürlich gang und gäbe ist – z.B. zusätzliche Importzölle gegen günstige Solarzellen aus China.)

übrigens: es gibt eine ganze Industrie, die darauf ausgerichtet ist, den Begriff ‚unsichtbare Hand‘ Adam Smith im Munde zu verdrehen, und daraus so etwas wie „die Privatwirtschaft hat immer recht“ zu machen. Don’t believe the hype!

Hier passt ein anderes Zitat von Martin Wolf:

„Ein Finanzsektor ausser Rand und Band frisst die moderne Marktwirtschaft von innen auf, so wie die Larve der Wegwespe den Wirt auffrisst, in den sie hinein gelegt wurde.”

(Original davon gibt’s u.A. hier und hier.)

===

Danke E., dass ich bei Dir zu Hause diesen Eintrag verschönern konnte 😀

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Medienspiegel abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Comments, die den Rahmen dieses Artikels sprengen, wandern ins Forum, Abt. cut/paste, tx.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s