Kommunismus! Sozialismus!

Was hat es auf sich, mit diesen zwei Ausrufen, die in der Diskussion über Vollgeld völlig überraschend wiederkehren? Wir gehen gleich darauf ein, aber zuerst die wichtigste Gegenfrage: Artikel 99 der CH-Bundesverfassung sagt, Geld- und Währungswesen seien Sache des Bundes. „Diesem allein steht das Recht zur Ausgabe von Münzen und Banknoten zu.“

Ist die Schweizerische Eidgenossenschaft also ein Vorbild für Kommunismus/Sozialismus?

Noch ein Punkt, bevor wir konkret auf die Angstmacherei eingehen: Bargeld wird heute zwar verfassungskonform nur vom Bund zur Verfügung gestellt, aber ohne das Zutun von den Banken kommt keines in Umlauf.* (Siehe Wie entsteht Geld heute?)

Zwischen-Fazit: Viel angebrachter, als eine Demokratie mit demokratisch eingeführtem Vollgeld als Kommunismus/Sozialismus zu verschreien, wäre es also, unsere heutige Gesellschaftsform als Konzern-dominierte pseudo-Demokratie zu bezeichnen. Doch so etwas sagt man nicht.** Man sagt nicht einmal, dass Konzerne unser Geld schöpfen!

Wenn die Unterstellung, Vollgeld sei Sozialismus, rational geführt wäre, würde man die Steilvorlage nutzen des Kapitels Armutsschere in MoMo’s Flyer für Normalsterbliche, hier im Blog angetönt unter Warum ist das ein Problem? – Gerechtigkeit. Abwesenheit von Rationalität ist ein Indiz für Angstreaktion.***

Ist Vollgeld Sozialismus?
Ausbeuter und solche, die es werden wollen, können beruhigt sein, dass auch nach einer Vollgeld-Reform das System so asozial sein kann wie wir wollen.

…oder Kommunismus?
Kommunistische Enteignungen und Planwirtschaft sind im Vollgeld-System nicht vorgesehen. Ob es eine ‚kalte Enteignung‘ gibt wie heute (u.A. durch Sparzins unter der Inflations-Rate) wird Politik und Wirtschaft offen gelassen.

Man kann Vollgeld als Infrastruktur sehen, ähnlich dem Strassennetz. Nur weil wir die Autobahn bauen, und Tempolimit etc. festlegen, heisst das nicht, dass jedes Auto von einem Zentral-Apparat aus gelenkt wird! Soviel zur Planwirtschaft.

Sie sehen, die Ausrufe entbehren jeglicher Logik. Doch wenn wir schon beim Thema sind, schauen wir uns eine andere unlogische Annahme an, die uns behindert: Die Annahme, unser heutiges Geld sei erfunden worden, um Handel zu vereinfachen. Genauer: um im Handel die Notwendigkeit eines doppelten Zufalls zu überbrücken. Ein berühmtes Beispiel projizierte die Theorie auf Indianer. Und jetzt die Pointe: was man dort antraf war eine Gesellschaft ohne Handel, wo die Güter von Frauen gelagert und verteilt wurden. Also eine Art Kommunismus! Siehe Graeber Debt. The first 5000 years. Kapitel The myth of Barter.

Die Vollgeld-Befürworter sind keine Kommunisten. Wer das sagt, ist entweder dumm, fehlgeleitet, oder nutzt das Wort ‚Kommunist‘ gezielt, um deren Pläne und eine intelligente Debatte zu behindern. Viele Menschen sehen ein Problem im heutigen System, aber es herrscht keine Einigkeit über die Lösung. Vollgeld könnte der lang-ersehnte ‚gemeinsame Nenner‘ sein. Immerhin macht es das Geld zu dem, wofür wir es instinktiv halten: eine neutrale Infrastruktur.

===

* Ausnahmen wie ‚Quantitative Lockerung‘, Ankauf von Finanzprodukten durch die Zentralbank und Massnamen für den Euro-Mindestkurs gelten nicht. Diese sind zwar rein technisch gesehen eine direkt-Inumlaufbringung von Zentralbankengeld (zu dem Bargeld gehört, obwohl in diesem Zusammenhang wohl eher selten genutzt), aber es geht nicht in die Realwirtschaft – und das war es, was die Bundesverfassung meinte.

** Auszug aus dem oben verlinkten Text von Chomsky: „Seit dem 2. WK läuft eine massive Propaganda-Kampagne, eine riesige Propaganda-Kampagne, um die Menschen dazu zu bringen, Regierungen zu hassen. Es ist aber zwei-gleisig, denn gleichzeitig wollen die gleichen Gruppen eine starke Regierung, einen mächtigen Staat…[der SIE retten soll, aber nicht die Menschen.]“

*** Übrigens eine geplante, siehe P.S. des Artikels Das Märchen vom bösen Kommunismus in unserem Schwesternblog himmelstor.

Update 15.1.2014

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3 Antworten zu Kommunismus! Sozialismus!

  1. Pingback: Das Märchen vom bösen Kommunisten | Himmelstor

  2. Anonymous schreibt:

    Yo, geht’s noch ausschweifender? Es reicht ein Satz: Wir wollen nur die Geldschöpfung, nicht die Kreditvergabe verstaatlichen.

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